Aufgrund des häufig bei Schlachtkörpern von männlichen Schweinen auftretenden Ebergeruchs ist in Deutschland die Ebermast nicht üblich. Die operative Ferkelkastration ist hierzulande wie auch in Europa das Verfahren der Wahl zur Vermeidung von Ebergeruch im Schweinefleisch. Aus Tierschutzgründen ist dieses traditionelle Verfahren wiederholt Gegenstand öffentlicher, kontroverser Diskussionen. Als eine mögliche Alternative zur operativen Ferkelkastration bietet sich die Mast von männlichen Ferkeln an. Dazu ist es allerdings notwendig, dass männliche Schlachtkörper am Schlachtband mit Geruchsabweichungen automatisch identifiziert werden können und die Häufigkeit solcher Schweine reduziert wird. Einen Beitrag zur Beantwortung dieser beiden Fragen soll ein von den Bonner Universitätsinstituten Tierwissenschaften (Abteilung Haustiergenetik, Dr. Tholen) und Landtechnik (Arbeitsgruppe Sensorik, PD Dr. Boeker) initiiertes Forschungsprojekt liefern. Der benötigte finanzielle Bedarf des Projektes liegt bei ca. 1 Mio. €. Die Förderung des Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im Rahmen des Programms zur Innovationsförderung.
Im Rahmen des Projektes soll zunächst herausgefunden werden, wie hoch die Frequenz von Ebern mit Geruchsabweichungen ist und welche Erblichkeit das Merkmal Ebergeruch aufweist. Aufbauend auf diesen Ergebnissen soll ein entsprechender Vorschlag für ein Zuchtprogramm entwickelt werden. Entsprechende Studien aus Norwegen und den Niederlanden zeigen, dass eine züchterische Reduktion von Ebern mit Ebergeruch möglich ist. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass sich die Fruchtbarkeit der Tiere mit zunehmender Geruchsfreiheit ändern könnte.
Um die genannten Projektziele zu erreichen, beteiligen sich an dem Forschungsprojekt die drei Besamungsstationen GFS Ascheberg, SZV Baden-Württemberg und BVN Neustadt a. d. Aisch sowie die angeschlossenen Zuchtverbände. In den Prüfstationen Haus Düsse (Landwirtschaftskammer NRW), Frankenforst (Uni Bonn), Boxberg (Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft Baden-Württemberg), Schwarzenau und Grub (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, LVFZ) sollen ca. 1000 männliche Kreuzungsschweine unter Stationsbedingungen geprüft werden. Für die aufwendige Referenzmessung des Ebergeruchs im Labor ist das Fraunhofer-Institut Molekularbiologie und Angewandte Ökologie, Abteilung Umwelt- und Lebensmittelanalytik, in Schmallenberg zuständig.
Das zweite wichtige Ziel des Projektes ist die Entwicklung einer elektronischen Nase. Hierbei soll die automatisierte Messung des Ebergeruchs für züchterische Zwecke ermöglicht werden. Langfristig soll dieser Detektor jedoch auch unter Schlachthofbedingungen mit hoher Schlachtbandgeschwindigkeit einsetzbar sein.
Die Arbeitsgruppe Sensorik des Instituts für Landtechnik beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit der Entwicklung hoch empfindlicher Geruchssensoren. Einige von ihnen sind bereits im Einsatz, beispielsweise in Kläranlagen oder Papierfabriken. Das Institut für Landtechnik arbeitet zudem seit einigen Jahren mit der Münchner Firma five techologies, die sich ebenfalls am Projekt beteiligt. Diese Firma ist auf die automatisierte Erfassung von Spurengasen und Geruchsstoffen spezialisiert.
Das skizzierte Projekt soll Mitte des Jahres beginnen. Es ist eingebunden in eine Reihe von bereits begonnenen und geplanten Aktivitäten zum Thema „Vermeidung der Ferkelkastration“. Diese Untersuchungen werden von der QS Qualität und Sicherheit GmbH in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) und dem Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion (ZDS) koordiniert. Entsprechende Hinweise sind auf den Internetseiten dieser Organisationen zu finden.