18.03.2016RSS Feed

Kupierverzicht – Thüringer Betriebe rüsten sich

IGS Thüringen

Start der Wirtschaftsinitiative
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir heute hier zusammen gekommen sind. Dieses Fachgespräch ist das Ergebnis eines Weges, den unsere Thüringer Schweinehalter, und hier insbesondere sauenhaltende Betriebe in den letzten Monaten gegangen sind. Mit diesen Worten begrüßte Dr. Armin Vetter am 3. März die zahlreichen Gäste der offiziellen Auftaktveranstaltung des Thüringer Pilotprojektes Caudophagie, zu der die TLL Jena gemeinsam mit den Antragstellern eingeladen hatte. Das Schwanzkürzen gehört heute in Europa noch zum Standardprogramm für neugeborene Ferkel in konventionell geführten Betrieben, um eine möglichst unversehrte Aufzucht und Mast abzusichern. Der stellvertretende Präsident der TLL Jena hob hervor, Seit den 70er Jahren werden die Schweineschwänze routinemäßig gekürzt. Der feine Unterschied zur Vergangenheit ist nur der, dass wir heute deutlich sensibler mit solchen nichtkurativen Eingriffen umgehen sollten. Damit stellt sich die Frage: Muss das wirklich sein? Zugleich betonte er, … dass sich diese Frage erst dann mit einem eindeutigen NEIN beantworten lässt, wenn auch wirklich alle Ursachen bekannt sind, die das Schwanzbeißen verursachen.


Auf diese ging der Gastreferent Prof. Gerald Reiner von der Justus-Liebig-Universität Gießen ein: Während in der Vergangenheit davon ausgegangen wurde, dass Schwanzbeißen durch Verhaltensstörungen entsteht, werden seit 5 Jahren immer stärker Entzündungsprozesse in den peripheren Körperteilen mit den verschiedensten Hintergründen als Auslöser für Schwanzverletzungen diskutiert. Das Schwanzbeißen, was wir in den Betrieben beobachten, ist genaugenommen nur die Spitze des Eisbergs. Wesentlicher und bisher ungenügend berücksichtigt ist, dass sich dahinter Nekrosen, d.h. entzündliche Veränderungen verbergen, die durch Stoffwechselstörungen verursacht werden, betonte der Leiter der Gießener Klinik für Schweine an der Justus-Liebig-Universität. Anschaulich, sehr verständlich und nachvollziehbar erläuterte der Experte das Ineinandergreifen der überlasteten Stoffwechselsysteme. Gestörte Thermoregulation, suboptimale Wasserversorgung oder auch eine nicht darmgerechte Fütterung mit einer zu langen Verweildauer des Kotes im Darm verursachen u.a. eine Anflutung bakterieller Abbauprodukte. Können diese nicht mehr durch die Leber entgiftet werden, gehen sie in den Körperkreislauf über und führen dann über verschiedene Mechanismen zu Durchblutungsstörungen. Besonders betroffen sind dann weit entfernt liegende Körperteile mit sog. Endstrombahnen, wie die Schwänze, Ohren und auch die Gliedmaßen. Besonders anschaulich wirkten die Bilder von Schwanznekrosen bei Aufzuchtferkeln, Mastschweinen und Sauen, die ohne jedes Zutun anderer Schweine entstanden sind. Selbst bei Saugferkeln lassen sich Schwanzspitzennekrosen innerhalb der ersten Lebenstage beobachten, ohne dass andere Ferkel über Beißen nachgeholfen haben. Vielleicht war es dann das berühmte I-Tüpfelchen, als Herr Reiner Ringabschnürungen an Schwänzen von erst wenigen Tagen jungen Saugferkeln zeigte, die nach vorhergehender deutlicher Ödematisierung auftreten und selbst bei Mäusen als Folge eines Flüssigkeitsmangels und Endotoxinbelastung vorkommen. Damit, schlussfolgerte der Veterinärmediziner, sollte deutlich sein, dass unser Grundproblem nicht der Kannibalismus ist, sondern wir von einem Entzündungs- und Nekrosesyndrom beim Schwein reden müssen. Wenn wir damit über Kupierverzicht reden, müssen wir damit auseinandersetzen. Lösungen erfordern Veränderungen. Damit ist sowohl die Haltung im Hinblick auf tiergerechtere Bedingungen zur Thermoregulation als auch eine stoffwechsel-, darm- und verhaltensgerechte Fütterung gefordert. Auch die Leistungsziele sind zu hinterfragen, um züchterisch bedingte Nebenwirkungen zu reduzieren.

Andrè Telle, Agrar e.G. Heberndorf, stellte stellvertretend für die Initiatoren und Antragsteller, Melanie Große Vorspohl und Luc Poels von der Tierproduktion Alkersleben GmbH, das Thüringer Pilotprojekt vor. Auslöser dafür waren die strengere Tierschutzauflagen im vergangenen Jahr: Den Saugferkeln darf max. ein Drittel des Schwanzes kupiert werden, was anfangs auch nahezu jeder Betrieb in Thüringen umsetzte. Allerdings folgten insbesondere dann in den Sommermonaten böse Überraschungen. Neben erheblichen tierschutzrelevanten Schwanzverletzungen konnten die 1/3 kupierten Tieren kaum noch vermarktet werden. Wenn LKW-weise Ferkel nicht verkauft werden können und diese letztlich auf dem Schlachthof landen, ist das gewiss kein Tierschutz!, konstatierte der Vorstandsvorsitzende der IGS Thüringen. Deshalb bekannte die IGS Thüringen auch im November 2015 öffentlich: Die Forderung der Ausführungshinweise zur Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung, max. 1/3 zu kupieren, ist flächendeckend im Freistaat nicht umsetzbar. In dieser Situation schlossen sich 14 betroffene schweinehaltende Betriebe mit 25.000 Sauen- und 36.000 Mastplätzen zusammen, suchten fachlichen Rat bei Experten, der Wissenschaft und Thüringer Beratungsorganisationen und beantragten bei Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft im Rahmen der Förderung der Zusammenarbeit in der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft die Bearbeitung eines Pilotprojektes über einen Zeitraum von drei Jahren. Partner sind neben dem TVL e.V. und der TSK Thüringen auch das FLI Celle sowie die Beratungs- und Koordinierungsstelle Caudophagie aus NRW. Die Koordination des Projektes wurde der TLL Jena übertragen.

Mit dem Pilotprojekt Thüringer Beratungs- und Managementsystem Caudophagie sollen die Grundlagen und Bespiellösungen in den beteiligten Betrieben geschaffen werden, langfristig auf das Schwanzkürzen in Thüringen verzichten zu können.

Die nachfolgende intensive Diskussion machte deutlich: Es ist ein sehr anspruchsvolles Ziel, dem sich die Thüringer Betriebe stellen. Es wird kein leichter Weg und die Erwartungshaltung darf nicht zu hoch sein. Hinzu kommt, dass die beteiligten Wirtschaftspartner weder Ausgleichszahlungen für Veränderungen von Haltungsbedingungen noch für zusätzliche Betreuungsaufwendungen oder auftretende höhere Tierverluste erhalten. Anteilig finanziert werden die zusätzlichen Untersuchungen und Beratungsleistungen.

Hoffnung auf realistische Lösungen bezüglich der Kupierpraxis bis zur Umsetzung der zu gewinnenden Ergebnisse gaben die Worte von Dr. Karin Schindler, Referatsleiterin im Thüringer Sozialministerium: Die Betriebe müssen sich mit ihren zuständigen Amtstierärzten abstimmen, welche Regelungen im Betrieb in Abhängigkeit von den vorhandenen Bedingungen umzusetzen sind. Jeder Amtsveterinär wird hier mit dem notwendige Sachverstand und Ermessenspielraum entscheiden.

Auf diesem Weg sind den Betrieben und ihren betreuenden Tierärzten Kraft, Änderungsbereitschaft, Ideenreichtum und Durchhaltevermögen zu wünschen.

Interessierte Betriebe können direkt mit den Initiatoren des Pilotprojektes über die IGS Thüringen e.V. (IGS-Thueringen@t-online.de) Verbindung aufnehmen.

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