19.03.2013RSS Feed

Futtermittel in Deutschland: Import oder Eigenversorgung?

Deutscher Verband Tiernahrung e.V.
Die Frage nach der Herkunft von Waren und der Wunsch nach regionaler Versorgung bei Lebens- und Futtermitteln sind nicht erst seit den jüngsten Vorfällen laut geworden. Allerdings entstand dadurch wieder eine neue Dynamik, die vor allem bestimmten Interessengruppen für ihre Zukunftsvisionen und Argumentationen in die Hände spielt. Doch plakative Forderungen und Wunschbilder eines kleinen Landes, das sich selbst versorgt, sind schnell aufgestellt. Was daran ist wirklich langfristig umsetzbar? Der Deutsche Verband Tiernahrung e. V. (DVT) zeigt Hintergründe im Bereich von Futterrohstoffen auf.

Eigenversorgung bildet die Basis
Grundsätzlich ist der Anteil der Eigenversorgung aus Deutschland bzw. der EU enorm hoch – allerdings den wenigsten bekannt oder bewusst. Denn die Meinung, Unmengen an Futter werde importiert, hält sich seit geraumer Zeit, basiert aber auf keinerlei Fakten. Richtig ist: Deutschlands Nutztiere fressen jährlich insgesamt 82 Millionen Tonnen Futter (in Getreideeinheiten). Das Tierfutter setzt sich dabei ungefähr zusammen aus 53 Prozent Grünlandaufwuchs (Gras und Grasprodukte) und Silagen, 25 Prozent Mischfutter und 22 Prozent hofeigenes Getreide sowie zugekaufte Einzelfuttermittel.  
 
Rund 92 Prozent dieser gesamten Menge stammen aus Deutschland. Der Importanteil besteht vor allem aus Ölkuchen und -schroten (insbesondere Sojaprodukte) und kleineren Mengen von Getreide. Dieser beträgt damit knapp 8 Prozent und ist vergleichsweise gering.  
 
Warum überhaupt importieren?
Die Frage nach einem Importbedarf lässt sich zum einen über die internationale Arbeitsteilung beantworten: Europa ist klassischerweise Exporteur von Getreide und importiert im Gegenzug Eiweißfuttermittel. Zum anderen führen hohe Getreidepreise innerhalb von Europa, so wie wir sie im vergangenen Jahr gesehen haben, zu höheren Importen von Futtergetreide und Mais. Das ist eine Frage von Futterkosten, Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt einer besseren Verwertung des europäischen Qualitäts- und Brotgetreides im Export. Die regionale Versorgungsbilanz spielt hierbei auch eine Rolle: Gerade in Nordwestdeutschland gehen große Maisflächen in die Biogasverwertung, sodass verstärkt Mais aus anderen EU-Mitgliedstaaten und aus Importen eingesetzt wird.
 
Die Eiweißversorgung heute und morgen
Am Beispiel des Eiweißbedarfs von Nutztieren lässt sich die generelle Situation gut darstellen: Die aktuelle Diskussion, um die Abhängigkeit von Import-Soja und damit von Marktpartnern sowie Preisschwankungen auf den Weltmärkten zu senken, ist rege wie nie zuvor. Neben Fragen rund um gentechnisch veränderten Rohstoffen und der globalen und regionalen Nachfrageentwicklung sind vor allem die Qualität und die Verfügbarkeit von potenziellen alternativen Eiweißquellen zu bewerten. Die vorhandene Eiweißlücke kurzfristig mit heimischer Ware schließen zu wollen, ist grundsätzlich nicht verkehrt, ignoriert aber die reale Situation.  
 
Eiweißbedarf der Nutztiere
Für die Eiweißversorgung der Nutztiere in Deutschland sind derzeit pro Jahr 8,37 Millionen Tonnen verdauliches Rohprotein erforderlich, davon stammen 6,51 Millionen Tonnen (77,8 Prozent) verdauliches Rohprotein aus dem heimischen Rauh- und Saftfutter (wirtschaftseigenes Grundfutter), dem wirtschaftseigenen Getreide und heimischen Nebenprodukten der Rapsölgewinnung, der Lebensmittelverarbeitung und der Bioethanolgewinnung sowie Körnerleguminosen (Hülsenfrüchte) wie Erbsen, Ackerbohnen und Lupinen.
 
Der Importbedarf in Höhe von 1,86 Millionen Tonnen (22,2 Prozent) verdaulichem Rohprotein wird zu mehr als 75 Prozent über den Import von Sojabohnen (circa 3 bis 4 Millionen Tonnen) und Sojaextraktionsschrot (circa 2 Millionen Tonnen) gedeckt. Die Rohstoffströme sind eine Folge der Standortvorzüglichkeiten und internationaler Arbeitsteilung: Europa nimmt die Rolle als Getreideexporteur ein – die USA und Südamerika sind gute Sojastandorte und daher -exporteure.
 
Um die Bedeutung von Soja aus tierernährerischer Sicht besser zu verdeutlichen, sind die nachstehenden Zahlen zur Proteinversorgung in der Tierernährung sehr anschaulich: Sojaextraktionsschrot fließt mit einem durchschnittlichen Mengenanteil von circa 13 Prozent in das heimische Mischfutter ein, deckt damit aber rund 35 Prozent des Aufkommens an verdaulichem Rohprotein in der Ration. Dabei verfügt Soja über einen besonders hohen Anteil an der essenziellen Aminosäure Lysin: In dem genannten Beispiel decken 13 Prozent Sojaanteil in der Mischung fast die Hälfte des Lysinbedarfs in der Ration. Von den zur Verfügung stehenden Proteinträgern kann außer Soja kein anderes Produkt auch nur annähernd solche günstigen nutritiven Eigenschaften bieten.

Alternativen zu Soja
Derzeit bekannte Alternativen zu Soja sind (in unterschiedlichen Angebots-
mengen):
  • die Nutzung von eiweißreichen Nebenprodukten aus der Gewinnung von Lebensmitteln wie Ölen, Stärken, Bier etc.,  
  • die Nutzung von eiweißreichen Nebenprodukten aus der Gewinnung von Biodiesel und Bioethanol,
  • die Nutzung von heimischen Körnerleguminosen,
  • die Nutzung von tierischem Protein (lebensmitteltaugliche Schlachtnebenprodukte) sowie
  • die Erschließung und Nutzung von mikrobiellem Protein für Futterzwecke (Mikroalgen, Bakterien, Pilze).
Die Ansprüche an Alternativen zu hochwertigem Sojaschrot sind hoch – allen voran sind die Aminosäurenmuster zu berücksichtigen (siehe oben) und das Futter mit einzelnen Aminosäuren zu ergänzen. Teilweise entstehen bei Alternativen wie bei Rapsprodukten Probleme mit der Dünndarmverdaulichkeit oder verminderter Futteraufnahme durch enthaltene Bitterstoffe (Ferkel, Mastschweine). Der Anbau von Körnerleguminosen ist – zumindest derzeit noch – betriebswirtschaftlich und mit Blick auf die zu erwartenden Erträge uninteressant. Sie können deshalb nur zu einem gewissen Anteil als Alternative zu Importsoja gesehen werden. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland beispielsweise auf 6,52 Millionen ha Getreide angebaut, aber nur 82.000 ha mit Körnerleguminosen besät.

Heimischer Sojaanbau als Lösung?
Der Anbau von heimischem bzw. regionalem Soja (Donau-Soja) nimmt zwar regional zu, allerdings sind die Erntemengen noch nicht nennenswert. Darüber hinaus fehlen noch standardisierte und schonende Aufbereitungsanlagen. Zwar ist die Diskussion um die Wiederzulassung bestimmter tierischer Proteine* in der Fütterung von Nutztieren wiederbelebt worden. Eine Wiedereinführung wird vom DVT jedoch nicht aktiv gefordert. Sie wäre nur unter der Voraussetzung machbar, dass eine eindeutig positive wissenschaftliche Sicherheitsbewertung vorliegt und die Akzeptanz im Markt gegeben ist (bei allen Stufen der Lebensmittelkette, der Politik und der Verbraucherschaft). Außerdem sind validierte Analysenmethoden sowie Regeln zum Umgang mit unvermeidlichen Verschleppungen und Spuren tierischer Proteine notwendig. Darüber hinaus wären auch hiervon nur geringe Mengen vorhanden: In Deutschland könnten mit dem nur in Frage kommenden Kategorie-3-Material nur etwa 6 Prozent des Sojaschrotverbrauchs ersetzt werden.
 
Eine Selbstversorgung in Bezug auf Eiweiß ist in Deutschland und Europa unter den derzeitigen Rahmenbedingungen praktisch und ökonomisch kaum machbar.
Die Futtermittelbranche wird sicherlich Eiweißfuttermittel aus der EU bzw. Deutschland in die Rezepturen einsetzen, sobald eine entsprechende Qualität in mittel- bis langfristig planbarer Quantität und zu bezahlbaren Preisen angeboten wird.

Der Deutsche Verband Tiernahrung e. V. (DVT) vertritt als unabhängiger Wirtschaftsverband die Interessen der Unternehmen, die Futtermittel, Vormischungen und Zusatzstoffe für Nutz- und Heimtiere herstellen, lagern und damit handeln.

Kontakt und v.i.S.d.PG.:

Deutscher Verband Tiernahrung e. V. (DVT)

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